Von Bar zu Bar auf dem Caminito

Das südliche Einwandererviertel von Buenos Aires, La Boca, verfällt mehr und mehr. Dabei haben seine Geschichte und seine Tangokultur durchaus bestechenden Charme. Nun plant die Stadt eine Revitalisierung des alten Viertels und den Erhalt des industriellen Erbes. Ein Stadtspaziergang

von DIETRICH VON RICHTHOFEN

Das also ist das berüchtigte La Boca. Bekannte aus Buenos Aires können gar nicht genug vor einem Ausflug in das Innere des Stadtviertels warnen, das für seine Tangobars und die spezifische Kultur der hauptsächlich aus Italien stammenden Einwanderer bekannt ist. Es sei ein "anarchisches Viertel", Raubüberfälle an der Tagesordnung. Fast jeder kann eine Geschichte dazu erzählen.

Als ich einen alten Mann nach dem Weg frage, sagt er gleich: "Plata, no!" - "Geld, nein!", und warnt in seinem vorsorglich für Touristen zurecht gestutzten Spanisch vor Taschendieben.

Wenn man den Caminito auf und ab flaniert, braucht man sich um Diebe allerdings keine Sorgen zu machen. Das Weglein (spanisch: caminito) ist die Touristenmeile des Tango. In den 1950er-Jahren verwandelten Anwohner und lokale Künstler die stillgelegte und als Mülldeponie genutzte Bahntrasse in ein Freilichtmuseum, heute ist der Caminito das am besten besuchte Ausflugsziel der Stadt und wird ständig von Polizisten bewacht. Hier wird dem Touristen das Klischee geboten, das er vorzufinden gehofft hat. Die knalligen Gelb-, Rot- und Grüntöne der Wellblechfassaden der traditionellen Arbeiterunterkünfte, der Conventillos, bieten eines der beliebtesten Fotomotive von Buenos Aires. Tangobars werben mit Live-Musik, Tänzerpaare bieten Tango-Shows, Straßenhändler stellen Schwarz-Weiß-Bilder und Aquarelle aus. Der Andenkenladen Caminito Factory verkauft vom Schlüsselanhänger bis zum Aschenbecher alles, worauf sich ein Tango-Motiv unterbringen lässt.

Zwei, drei Straßenzüge hinter dem letzten Polizeiposten des Caminito fängt das angebliche Niemandsland an. "Hier bin ich geboren", sagt Teresa, und sie zeigt auf ein Conventillo, dessen matte ockergelbe Farbe von der rostigen Blechfassade abblättert. Der Gang hinter der offenen Tür ist gesäumt von zahlreichen Pflanzen in Plastikkübeln, aus dem Fenster im ersten Stock erwidert eine Schar Kinder unsere neugierigen Blicke.

La Boca zählt mit Barracas und Nueva Pompeya zu den drei Industrievierteln am südlichen Rand von Buenos Aires. Alle drei Viertel liegen am Ufer des Riachuelo, eines schmalen Flusses, der nach La Boca in den Río de la Plata mündet. Der Hafen und die Schiffswerften, Lederfabriken, Metallwerkstätten, Kalkhersteller und Textilfabriken zogen Anfang des 20. Jahrhunderts viele Einwanderer auf der Suche nach Arbeit an und führten zu einem rasanten Wachstum. In La Boca teilten sich vielköpfige Familien häufig ein einziges Zimmer. Aus Platzmangel mussten sie schichtweise schlafen.

Heute stehen viele der alten Häuser leer. Von den Fassaden im Kolonialstil bröckelt der Putz weg, die rostigen Wellblechfronten der Conventillos sind vorwiegend in dunklen Grün- und Brauntönen gestrichen. Während die Häuser hauptsächlich durch den Charme des Verfalls bestechen, spürt man unter den Einwohnern von La Boca einen besonderen Flair.

Wenn Teresa den Postboten grüßt, ein Schwätzchen mit einem alten Bekannten hält und dem Kassierer der ehemaligen Kohlenhandlung zuwinkt, hat man den Eindruck, sich in einem kleinen italienischen Dorf zu befinden. "Nachts sieht das hier aber anders aus", sagt Teresa. Sie bedauert den zunehmenden Zerfall des nachbarschaftlichen Zusammenhalts in La Boca. "Wer es sich leisten kann, zieht weg", sagt sie, "und die Neuankömmlinge respektieren die alten Werte nicht."

Neben der mangelnden Sicherheit dürfte die geringe Attraktivität der südlichen Viertel von Buenos Aires auch am Zustand des Riachuelo liegen. Denn die Fabriken am Ufer nutzten den Fluss nicht nur als Transportweg, sondern auch als Abwasserleitung. Das Öl der Schiffswerften und die Kloaken der Anwohner taten ihr Übriges, um das Flüsschen (spanisch: Riachuelo) in eine bestialisch stinkende Brühe zu verwandeln. Die ufernahen Anwohner klagen über gesundheitliche Probleme. Es heißt, wer aus Versehen in den Riachuelo fällt, komme nie wieder raus, weil der Grund so zähflüssig sei, dass man notwendig darin stecken bleibt.

Die Vorstellung von einem unfreiwilligen Bad hält meinen unterschwelligen Angstpegel aufrecht, als ich mit der Architektin Alfonsina Pais die Alsina-Brücke überquere, deren Stahlgerüst den Riachuelo ein paar Kilometer flussaufwärts überspannt. Jedes Mal, wenn ein Lkw über die holprig mit Beton ausgegossene Rampe fährt, tanzen die löchrigen Stahlplatten des Gehsteiges in ihren Halterungen. Beide Hände fest am Geländer, blickt man von hier aus auf weite Teile des mit Farnen und Bambus zugewucherten Flussufers und der südlichen Stadtviertel Nueva Pompeya und Barracas. Einzelne Ziegelschornsteine ragen aus den niedrig gehaltenen Wohnvierteln. Alfonsina kennt jede Fabrik beim Namen.

In einem Projekt am Institut für Urbane Archäologie der Universität Buenos Aires hat sie die Industriegeschichte im Süden von Buenos Aires untersucht. Sie macht sich für den Erhalt des industriellen Erbes stark, denn private Investoren reißen die historischen Fabrikgebäude ab, um Platz für Blechschuppen und Lagerhallen zu schaffen. "Ein wichtiger Teil der Geschichte unseres Land wird unwiederbringlich zerstört", ärgert sie sich.

Ein Teil dieser Geschichte hat bis heute in der Colonia Obrera im Barrio San Vicente de Paul überlebt. Die modellhafte Siedlung entstand, um die Lebensbedingungen der Arbeiter in Nueva Pompeya zu verbessern. Um zwei Gässchen in Hufeisenform sind die einstöckigen Wohnhäuser mit kleinen Vorgärten drapiert, in der Mitte steht ein Wasserturm mit Uhr. Die meisten Industriearbeiter von Nueva Pompeya lebten Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch in primitiven Barracken.

Nur wenige Straßen von der Colonia Obrera entfernt hält sich bis heute die legendäre Tangobar El Chino. Früher sang der Wirt Jorge Garcés mit Gitarrenbegleitung einen Tango für seine Gäste, wenn er gerade mal nicht den Grill anfeuerte oder an den Tischen Wein nachschenkte. Obwohl El Chino, so sein Spitzname, vor Jahren gestorben ist, sollte man bis heute einen Tisch reservieren, um den geselligen Abenden in der engen, mit Porträts von Tangomusikern und Plakaten vollgestopften Bar beizuwohnen. Empfehlenswert ist es, sich vom Taxi bringen und wieder abholen zu lassen, denn nachts sind die Straßen von Nueva Pompeya kein sicheres Pflaster, zu beiden Seiten wachsen Armutsviertel.

Die Stadtregierung spricht angesichts der prekären Situation von einer "Revitalisierung" der südlichen Stadtregionen. Bereits vor acht Jahren hat die Regierung von Buenos Aires den "Plan Urbano Ambiental", das "städtische Umweltprojekt", verabschiedet, das unter anderem eine bessere Anbindung der südlichen Stadtteile an den reichen Norden und die Sanierung des Riachuelo vorsieht, der dann wieder schiffbar gemacht werden und auch zu Erholungszwecken genutzt werden soll.

Für ein Projekt dieses Umfangs braucht das Land jedoch einen internationalen Kredit, und selbst als die Geldmittel einmal zwischenzeitlich zur Verfügung standen, ist nicht viel passiert.

An manchen Ecken von Nueva Pompeya ist die Zeit stehen geblieben. Die alte Diesellok des Metropolitano, eines städtischen Zugbetreibers, stammt aus den 1940er-Jahren. Stampfend und rauchend fährt sie in den Bahnhof Antonio Sáenz ein. Einige Fahrgäste springen vom noch fahrenden Zug ab, die Türen stehen immer offen. Auf der Fahrt zum nächsten Bahnhof, der Estación Soldati, überblickt man die Industriegelände von Nueva Pompeya besonders gut.

Alfonsina schlägt vor, hier einen Industrietourismus nach dem Vorbild erfolgreicher Projekte unter anderem in Europa einzurichten. Ein Museum, das die Industriegeschichte in die postindustrielle Ära hinüberrettet. "Ich möchte den Besuchern die authentische Geschichte der Industriearbeiter vor Augen führen und keine fiktive Kulisse errichten", sagt sie mit einem Seitenblick auf den Caminito in La Boca. "Und der Tourismus könnte vielleicht auch einen Aufwärtstrend für die ganze Gegend bewirken."

taz Nr. 8204 vom 17.2.2007, Seite 13, 275 TAZ-Bericht DIETRICH VON RICHTHOFEN